Leserbrief an Frau Merkel:
Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,
von promovierten ChemikerInnen erwarte ich eine differenzierte, politisch zurückhaltende und realistische Aussage zu einem schnellen Natobeitritt Georgiens.
"Der Abzug der russischen Truppen ist jetzt von vordringlicher Bedeutung", sagten sie. Daraus wird nichts, wenn sie Georgien die Natomitgliedschaft versprechen, was nicht mal die Amerikaner wiederholt haben. Soll Georgien für einen Eroberungskrieg belohnt werden?
Es wäre ratsam, sich mit den Ursachen dieses Krieges zu beschäftigen. Die Augen davor zu verschließen, wer wen überfiel, ist falsch. Leider weigern Sie sich nachzuforschen, von wem die Aggression ausging. Trotz aller Provokationen der russischen Seite - letztendlich von Georgien. Dies ist mittlerweile erhärtet, Beweise gibt es ausreichend.
Über sechs Jahre lang haben die USA Georgien aufgerüstet und mit jenen Waffen versorgt, die eingesetzt wurden, um gegen das wehrlose Ossetien zuzuschlagen. Georgien führte einen Eroberungskrieg, allein aus ethnischen Gründen. Moskau spricht von einem Genozid, dies mag übertrieben sein. Aber es kann doch nicht angehen, dass Sie als Bundeskanzlerin so tun, als wäre nichts geschehen - und weiterhin Georgien die Aufnahme in die NATO zusichern.
Überfallen NATO-Mitglieder mit brutalster Waffengewalt ihre Nachbarn, nur, weil diese nach Unabhängigkeit streben? Und welches Georgien wollen Sie in die NATO aufnehmen? Das Kern-Georgien, bestehend aus Tiflis und Umgebung? Auch von der amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice wurde gebetsmühlenartig die "territoriale Integrität" Georgiens beschwört. Wie aber soll diese hergestellt werden? Will man die Abchasen oder Südosseten zwingen, unter georgischer Herrschaft zu leben? Vielleicht mit Waffengewalt, wie es jetzt Saakaschwili versuchte?
Saakaschwili ist kein Demokrat
Seine Bekundungen, er sei ein Demokrat, sind mehr als absurd. Genauso wie in Russland wurden die Wähler bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen unter Druck gesetzt, genauso wurde am Ergebnis manipuliert. Die Wahlbeobachter der OSZE haben dies bekundet, im Übrigen die Deutschen deutlicher als die Amerikaner. Vergessen anscheinend, dass Saakaschwili im Dezember des letzten Jahres brutal die Opposition hat niederschlagen lassen, dass die Presse zum Teil unterdrückt wird. Seit Beginn seiner Amtszeit hat Saakaschwili nicht den Dialog mit Abchasen oder Osseten gesucht, sondern die Konfrontation. Dass er dafür vom Westen nun belohnt wird, ist mehr als unverständlich.
Ihre Bekundungen lassen in Moskau alte Fronten aufbrechen. Russland fühlt sich isoliert und im Stich gelassen. Ob ein unberechenbarer georgischer Präsident, der nur zu gerne Tatsachen verdreht, dies wert ist, das sollte sich der Westen überlegen.
Sinnvoller wäre es gewesen, zu einem Neuanfang aufzurufen. Ohne Saakaschwilli. Wenn er so ein großer Demokrat ist, wie er immer vorgibt, dann sollte er den Weg freimachen für einen gemäßigten Präsidenten à la Schewardnadse - dann könnten sich die Beziehungen zu Russland vielleicht wieder normalisieren. Profitieren würden alle davon.
Machen Sie die Blockade in Ihrem Kopf wieder frei!
Mit freundlichen Grüßen
************ (auch Chemiker)
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