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Alt 30. Jul 2008, 12:23 Uhr   #281 (Permalink)
dichterDenker
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Zitat:
Zitat von Parker
Nun steht meinereiner in etwa da, wo der Todescocktail ausgeschenkt würde und mir wurde auch schon nahegelegt, mich beruflich zu verändern, so ich nicht dabei mitwirken mag. Ich denke jetzt mal, Deinen ganz ähnlichen Ratschlag habe ich zum Anlaß genommen, Dich mit in die Schublade zu stopfen. Entschuldigung also dafür und die Deine ist angenommen.
Ok, ebenso.

Zitat:
Eine Beweisführung über die Existenz psychischer Erkrankungen erschien mir bisher niemals vonnöten, wenn ich ehrlich bin. Ich habe die täglich vor der Nase, ungefähr wie mein Bett, dessen Existenz ich auch niemals zu beweisen für nötig hielt. Ich werde da später noch drauf eingehen.
Glaub mir, wenn du die Gewohnheit hast dich im Dunklen mit wahnsinnigen Geschwindigkeiten zu bewegen lernst du sehr schnell erstmal sicherzugehen, dass der schwarze Schrank auch wirklich da ist wo du ihn immer siehst.

Es geht mir weniger um das Phänomen, dass man mit Sicherheit nicht beweisen muss, sondern um die weitergehende Interpretation und die Folgerungen die man daraus zieht.
Meinetwegen nenn es Krankheit, was du siehst.
Aber das die Leute ihre Entscheidungen nicht genauso wie normale Menschen selbst treffen siehst du nicht - und das muss erstmal verdammt gut erwiesen werden, wenn man mal die Implikationen berücksichtigt.

Zitat:
Öhm... das ist nun aber erstmal die Grundlage. Wozu sollte es eine Fakultät namens Psychiatrie geben, wenn es keine psychiatrischen Erkrankungen gibt?
Weil es Leute gibt, die sie immer noch brauchen? Ist wichtiger als jede Theorie. Und das sage ich dir als Wissenschaftler oder jemand der es werden will.
Die Methoden oder Medikamente die sich als erfolgreich erwiesen haben, braucht man nicht deswegen wegwerfen nur weil man es umbenennt.

Zitat:
Bedauerlicherweise durchschauen Psychiater eben nicht alles glasklar und die Besseren wissen das auch. Trial and Error ist demzufolge ein sehr gängiges Behandlungsverfahren. Ich will das weder schönreden, noch die Psychiatrie über den grünen Klee loben. Gerade diese Schwäche der Psychiatrie macht es für mich unmöglich etwas Finales, wie die Hilfe beim Suizid überhaupt in Erwägung zu ziehen.
Ok. Aus demselben Grund kann ich es nicht gut finden, wenn jemand gegen seinen Willen therapiert wird.

Zitat:
Selbstverständlich zwingt er mich. Allein die Suizidandrohung genügt und ist Zwang genug. Da bleibt uns keine Wahl mehr. Reicht die Drohung nämlich nicht aus und er sieht sich also gezwungen, diese durch eine Tat weiter zu untermauern, bin ich in Teufels Küche und zwar sehr buchstäblich, was ihm gewöhnlich auch bewußt ist.
Hmm, gut in der jetztigen Lage mag das sein.
Aber jetzt überleg mal - der Kerl legt es ja ganz schön darauf an sich eben nicht umzubringen. Eine Möglichkeit die er jetzt schon hat. Und jetzt bieten wir ihm die Möglichkeit das sicherer und vor allem auch unauffälliger durchzuziehen. Ich glaube nicht, dass er diese Möglichkeit annehmen würde.

Zitat:
Im Übrigen habe ich auch schon Drohungen aller Art zu hören bekommen und auch körperliche Gewalt ist im psychiatrischen Alltag nicht so selten, wie man sich das wünschen würde.
Ich denke darüber, dass man bei einem Gewalttäter etwas tun muss sind wir uns einig.
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Alt 31. Jul 2008, 17:40 Uhr   #282 (Permalink)
Parker
wäre ein toller Moorgraf
 
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Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
[...]
Leid. Wäre auf jeden Fall ein gemeinsamer Faktor bei Depressionen. Auf der anderen Seite eben nicht bei allen Krankheiten - was ist z.B. mit Autismus oder Narzissmus? Kann natürlich sein, dass man darunter leidet, muss aber nicht. Umgekehrt ist Leid auch oft einfach ohne Krankheit da. Armut, Liebeskummer, Erfolglosigkeit, oh ne körperliche Krankheit natürlich auch...
Hier die Familie oder die Nachbarschaft mit einzubeziehen, halte ich durchaus für einen sehr sehr zweifelhaften Schritt. Was wenn ein Schwuler in eine stockkonservative Familie oder Nachbarschaft geboren wird, dann belastet die das durchaus. Das gibt ihnen aber nicht das Recht ihn umzuerziehen.
Erst wenn die "unerträglichkeit" ins kriminelle geht, dann haben die Leute das Recht hier ein Eingreifen zu fordern.
Leb Du mal mit einem Psychotiker ohne jede Krankheitseinsicht zusammen und laß Dir dann, wenn Du es nicht mehr aushälst, Deine eigenen Sätze hinknallen. Das nicht der Kranke unmittelbar leidet, bedeutet keineswegs, daß seine Umgebung das nicht tut. Die harmlose alternative Lebensweise eines Menschen, der sich verfolgt fühlt und entsprechende Schutzmaßnahmen zu unternehmen für nötig befindet etwa, kann nicht nur zum alles bestimmenden Lebensmittelpunkt seiner Angehörigen werden, es kann sie auch zünftig ruinieren. Da müssen die durch? Sie haben kein Recht, dem Unangepaßten ihren Willen aufzuzwingen? Das kann man echt nur einfordern, wenn man keinen Schimmer hat, was das bedeutet. Leb vielleicht mal mit einem manisch-depressiven Zeitgenossen zusammen. Es werden sich Phasen, in denen Du ihn förmlich nötigen mußt zu essen und ihm das alles ans Bett bringen darfst, in dem er, ungewaschen sein Elend auslebend, liegt, abwechseln mit solchen, in denen Du vor Sorge nicht mehr schlafen kannst, weil er unterwegs ist, um jeden Cent zu versaufen und zu verpoppen, den Ihr beide in den nächsten 20 Jahren verdienen werdet. Da haben Angehörige nicht mitzureden, weil das gutes Recht eines Menschen ist, der sich Konventionen nicht beugen mag? Herzlichen Glückwunsch.



Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Das ist natürlich ein guter Punkt aber m.E. kein zwingender.
Wenn es in diesem Strang einen Konsens gegeben hat, dann das es eine Anlaufstelle für Hilfe auf jeden Fall geben muss und ich schätze der Konsens hält sich auch durch. Haben sich die Krankenkassen dann eben danach zu richten und doch zu zahlen (sie zahlen ja meines Wissens auch bereits Hilfe für traumatisierte Unfallopfer oder Schönheitsoperationen in belastenden Fällen, auch wenn Hässlichkeit keine Krankheit ist).

Wenn die das mal würden. Das sieht nicht gut aus, vielleicht auch deshalb, weil die Kassen sich einig sind, was bei den Kliniken kaum so ausschaut.


Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Wow, das ist wirklich nicht viel.
Wobei ich mir ein wenig schwer tue das zu glauben, ich esse und trinke normalerweise für mehr als 160€ im Monat.
Essen, Räume, Medikamente und Personal werden doch sicher sowieso gezahlt/gestellt?
Das ist es, was eine Psychiatrische Institutsambulanz im Vierteljahr für einen Patienten bekommt, egal wie oft er Hilfe sucht. Wir bewegen uns allerdings im Plus, weil gewöhnlich keine zusätzlichen Kosten entstehen, wenn ein Patient kommt. Wir sind ja eh da und bekommen Festgehalt. Die Folge ist eben, daß man Überstunde kloppt und um Aufnahme ersuchende Patienten abweist. Termin in 6 Wochen und das ist verdammt gut, im Vergleich zu den Niedergelassenen. Im Notfall kann man auch noch kurz dawischengeschoben werden, was täglich im Schnitt etwa 2mal vorkommt.

Niedergelassene Psychiater bekommen noch weniger und haben zusätzlich die Budgtisierung am Hals. Deshalb schicken sie uns auch gern mal ihre Patienten, wenn ein teures Medikament ihr Budget sprengen würde. Die Kassen arbeiten allerdings daran, das zu unterbinden. Budgets für Institutsambulanzen sind vielleict nur noch eine Frage der Zeit.

Ein Tag auf einer geschlossenen psychiatrischen Station kostet zwischen 250 und 300 €, auf einer offenen Station würde ich die Hälfte schätzen.

Psychiatrien stehen sich wirtschaftlich gewöhnlich ziemlich gut, schreiben jedenfalls schwarze Zahlen und schleppen häufig noch andere Abteilungen mit durch.


Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Wo gehts denn hier bitte um "andere Schuldige" (wobei - durchaus vorstellbar auch Mobbing-Vergewaltugungs-usw/opfer bringen sich manchmal um) ? Darum dass ich es für unmenschlich halte ... (habe ich das gesagt?)? Tut mir leid ich sehe wirklich nicht worauf du hinauswillst.
Nochmal der Punkt anders: Sollte ich mich mal umbringen wollen, dann werde ich für meinen Teil versuchen möglichst niemanden dabei zu traumatisieren.
Gut, das mag nur zum Teil vermeidbar sein, aber in einer Situation die ich meine nicht mehr ertragen zu können, werde ich nicht heldenhaft warten bis ich mit 80 sterbe nur um einem Polizisten zu ersparen meine Leiche vom Baum zu hängen (Gott, selbst wenn ich natürlich sterbe ist wahrscheinlich eine Leiche da und Hinterbliebene - und gut, wenn ich kinder hätte würde ich mich höchstwahrscheinlich nicht umbringen).
Dagegen sagt niemad etwas. Das läßt sich echt nicht vermeiden. Es müssen aber nicht Deine kleinen Kinder sein, die Dich finden und Du mußt auch niemanden zu Deinem Töter instrumentalisieren. Das darf man Dir zumuten.

Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Aus diesem Grund und anderen (d.h. Sicherheit und Schmerzfreiheit) würde ich im Falle des Falles lieber auf ein "professionelles" Angebot zurückgreifen, als selbst herumzuexperimentieren.
Den Wunsch kann ich schon nachvollziehen.

Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Ok, das magst du jetzt für wahnsinnig egoistisch halten, vielleicht ist es das auch, ich sehe jedenfalls nicht warum, ist mir dann aber auch relativ egal.
Auch das kann ich nachvollziehen. Ist Dir allerdings mein Wohlergehen vollkommen egal, wundere Dich nicht, wenn es umgekehrt genauso ist.

Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Gut, und wenn Gaucho (? sorry wenns falsch ist hab jetzt keine Lust nen 20-Seiten Thread zu durchsuchen) nicht gelogen hat als er von den Leuten erzählte die bei der Selbstmordnothilfe angerufen haben nur um sich eben genau über diese Punkte zu informieren dann bin ich da nicht der einzige der so denkt.
Ich zweifle bisweilen, daß das Thema, über das gesprochen wird, immer mit dem, um das es eigetlich geht, identisch sein muß. Hier bin ich da fast sicher. Ehe es Telefonseelsorge gab, suizidierten Menschen sich, ohne vorher auf eingehende Beratung angewiesen zu sein.


Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Nun, ich gehe auch jetzt schon davon aus, dass ich das nicht lang machen würde. Es ist doch aber vollkommen irrelevant ob ich das machen würde, solange es irgendjemand macht, oder?
Stimmt schon. Es ging aber mal darum, inwieweit ein Arzt von seinen Patienten entnervt wird und hier hast Du ein Beispiel.

Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
P.S.: Auch meine Schwester muss dauern unbezahlte Überstunden schieben, scheint eher ein ganz normales modernes Problem zu sein.
Meinetwegen. Bei Menschen, die Leben und Sterben ihrer Nervensägen in der Hand haben, erhält das aber eine andere Dimension. Die können sich nämlich helfen und früher oder später kommen sie auf die Idee... Ein Unterbewußtsein haben sie auch...


Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Yeah well und wenn er so lange nicht fixiert bleibt dann "killen" wir ihn eben nicht.
Einverstanden. Nchtfixierte machen übrigens unfaßbar weniger Arbeit, vor allem auch eklige Welche, weshalb kaum jemand scharf darauf ist, jemaden anzubinden. Nur mal so.

Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Hmm, nicht unbedingt erstaunlich, es geht ja hier in erster Linie um Leute die nicht Patienten werden.
Was ist dann aber auf der anderen Seite mit den Leuten die du zu irgendwas zwingst? Zählt das nicht als Ablehnung?

*Quelle such*
Physician's Weekly Article - Men in Depression Denial?
Effektive Ablehnung wäre es, eben nicht herumzulaufen und von Suizidabsichten zu berichten, wodurch man sich dem Zwang ja erst ausliefert und das gewöhnlich auch vorher weiß.

Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Hmm, tut sie das? Mein Beispiel mit den Japanern scheint dem jedenfalls zu widersprechen.
Die Japaner sind tatsächlich ein besseres Beispiel, als mir das zunächt bewußt war. Die Suizide in guter alter Samurai-Tradition waren seltener, als die vom westlichen Zeitgeist beeinflußten Suizide von heute, obwohl sie Anerkennung fanden und das Leben der Meschen weitaus härter war.
Denk das mal genauer durch. Das ist nicht Dein Argument. Das gehört mir.
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Alt 31. Jul 2008, 18:07 Uhr   #283 (Permalink)
Parker
wäre ein toller Moorgraf
 
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Zitat:
Zitat von Fleur Futurista Beitrag anzeigen
Eine Anklage sollte es nicht sein. Gut, wenn du ein Ungleichgewicht spürst: Ich habe/hatte mehrere Suizid-Versuche in meinem Familien- und Bekanntenkreis, eine Beziehung mit einer Borderline-Erkrankten mit Selbstverletzung und Suizid-Versuchen und habe viele Menschen darüber hinaus in den Psychiatrischen Abteilungen kennengelernt, natürlich nur als Besucher => ich bin also kein Profi und stehe auf der "anderen Seite", sehe aus der Patienten-Sicht. In meiner Beziehung habe ich mich erfolgreich gegen Erpressungsversuche behaupten können und mußte schnell Abstand halten lernen, ohne kalt zu werden. Ich muß dir auch Recht geben, daß nicht alles was für "Außenstehende" kalt aussieht, auch wirklich kalt ist. Vielleicht scheinen mir deine Antworten deswegen kühl, weil du nicht jedem Piesepampel alles erklären willst und dich vielleicht auch in eine Verteidigungsstellung gedrängt fühlst.
Wir haben etwas gemeinsam. Ich kenne Deine Perspektive auch ziemlich gut. Ich war auch mal mit einer Borderlinerin liiert, die ich, bevor der Vorwurf von Ausnutzung kommt, nicht als Patientin kennengelernt habe und in die ich schon lange bevor ich, vermutlich auch sie, ihre Diagnose kannte, bis über beide Ohren verknallt war. Ich weiß also sehr genau, daß so eine Krankheit nicht den kompletten Menschen ausmacht, auch wenn es manchmal so scheint. Ich weiß auch, wie es ist, vor Sorge fast verrückt zu werden, weil es ihr gestern nicht gut ging und sie heute nicht zu erreichen ist, oder nach dem Essen genau zu wissen, was sie jetzt auf dem Klo macht, wie beschissen dieses Komm-her-geh-weg-Spiel sich eigentlich anfühlt und wie erbärmlich einem zumute sein kann, wenn man verschossen ist in eine ausgewachsene, durchaus kluge Frau, die man gleichzeitig wie ein Kleinkind adoptieren muß.

Ich habe auch meine Zeit als Privattherapeut eines Freundes abgeleistet, der regelmäßig mit Suiziddrang anrief, so daß ich auch mal nach dem Nachtdienst noch für ein mehrstündiges Gespräch bei ihm vorbeifuhr.
Als ich ihm sagte, ich könne das nicht mehr und werde ihm beim nächstenmal einen Notarzt schicken, hörte das von jetzt auf gleich auf. Das ist jetzt etwa 8-9 Jahre her, er lebt noch und Freunde sind wir auch noch. Er ist auch immer noch schwul und mein Sphincter nur von innen gedehnt, was hier nicht ganz so unmaßgeblich ist, wie es erscheinen mag.

Zitat:
Zitat von Fleur Futurista Beitrag anzeigen
Weil niemand den Wunsch hat, von dir ein Marmeladenbrot bis zur Schulter in den Schlund gestopft zu bekommen! Es geht darum, jemandem ein Marmeladenbrot zu reichen, weil er es sich selbst nicht nehmen kann bzw. gar kein Marmeladenbrot zur Verfügung hat.
Er hat aber eines und kann es auch. Er will es aber gar nicht essen, sondern viel lieber darüber reden, daß er es gern essen würde.

Zitat:
Zitat von Fleur Futurista Beitrag anzeigen
Ehrlich gesagt, ich kenne diese Dinge nicht. Und ich bin wahrscheinlich nicht der einzige.
Schau mal in Deinen Küchenschrank.

Geändert von Parker (31. Jul 2008 um 18:07 Uhr Uhr). Grund: Doppelpost zusammengeführt
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Alt 31. Jul 2008, 18:31 Uhr   #284 (Permalink)
Parker
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Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Glaub mir, wenn du die Gewohnheit hast dich im Dunklen mit wahnsinnigen Geschwindigkeiten zu bewegen lernst du sehr schnell erstmal sicherzugehen, dass der schwarze Schrank auch wirklich da ist wo du ihn immer siehst.
Manch Einer rennt mit Wonne immer gegen denselben Schrank.


Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Es geht mir weniger um das Phänomen, dass man mit Sicherheit nicht beweisen muss, sondern um die weitergehende Interpretation und die Folgerungen die man daraus zieht.
Meinetwegen nenn es Krankheit, was du siehst.
Aber das die Leute ihre Entscheidungen nicht genauso wie normale Menschen selbst treffen siehst du nicht - und das muss erstmal verdammt gut erwiesen werden, wenn man mal die Implikationen berücksichtigt.
Diese Entscheidungen sind allerdings daneben. Sie schaden nämlich ganz massiv dem Entscheidenden, bis hin zur völligen Lebensunfähigkeit. Außerhalb von Schüben, keine Chronifizierung vorrausgesetzt, unterscheiden sie sich nicht wesentlich von konventionellen Entscheidungen.


Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Weil es Leute gibt, die sie immer noch brauchen? Ist wichtiger als jede Theorie. Und das sage ich dir als Wissenschaftler oder jemand der es werden will.
Die Methoden oder Medikamente die sich als erfolgreich erwiesen haben, braucht man nicht deswegen wegwerfen nur weil man es umbenennt.
Aber warum sollte man etwas, daß das ganze Leben auffrißt nur nicht Krankheit nennen? Ein netterer Klang macht die Sache nicht netter.


Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Ok. Aus demselben Grund kann ich es nicht gut finden, wenn jemand gegen seinen Willen therapiert wird.
Nur bei Eigen- und Fremdgefährdung kommt das überhaupt in Frage.

Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Hmm, gut in der jetztigen Lage mag das sein.
Aber jetzt überleg mal - der Kerl legt es ja ganz schön darauf an sich eben nicht umzubringen. Eine Möglichkeit die er jetzt schon hat. Und jetzt bieten wir ihm die Möglichkeit das sicherer und vor allem auch unauffälliger durchzuziehen. Ich glaube nicht, dass er diese Möglichkeit annehmen würde.
Unauffällig ist seine Sache nicht. Wenn, dann wird er es eher darauf anlegen, daß es gar nicht nach Suizid aussieht, weil er nicht als Loser dastehen will. Ansonsten wird gerade der Narzißt die größtmögliche Bühne suchen, die Du ihm bietest.
Um ihn geht es aber nicht. Ich hege die Befürchtung, daß das Angebot die Nachfrage erst schafft. Du wirst erleben, daß sich Menschen Deine 14 Tage (oder was auch immer) in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen gönnen und sich es dann anders überlegen. Du wirst auch erleben, daß es sich immr mal wieder jemand anders überlegt, nachdem er Deinen Drink genossen hat. Gegengift sollte also stets bereitstehen. Mehr als eine Dosis, denn manchmal kommen sie wieder. Und dann gibt es die, die sich niemals umgebracht hätten, gäbe es dieses praktische Angebot nicht.

Apropos Angebot, hier wurde die Kälte in der herkömmlichen Klinik beklagt. Was erwartet ihr eigentlich in einer solchen Institution? DIe dort beschäftigten werden sich zuallererst mal schützen und sich keinesfalls auf jeden emotional einlassen, von denjenigen, die selbst gewaltige Probleme haben und noch größere bekommen werden, mal abgesehen.
Wenn Du das gewöhnlichen Arztpraxen überlassen willst, wird das noch viel schlimmer, da dort gar keiner das geringste Verlangen nach dieser Aufgabe hat. Da sollte der Patient vor Besuch eine Ganzkörperrasur erwägen, da ihm ansonsten die Schambehaarung gefrieren könnte.

Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Ich denke darüber, dass man bei einem Gewalttäter etwas tun muss sind wir uns einig.
Jetzt die spannende Frage: Vorher oder nachher? (Das tut hier allerdings nix zur Sache und darf deshalb gern rethorisch verstanden werden.)
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Alt 16. Aug 2008, 09:36 Uhr   #285 (Permalink)
dichterDenker
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Zitat:
Zitat von Parker
Leb Du mal mit einem Psychotiker ohne jede Krankheitseinsicht zusammen und laß Dir dann, wenn Du es nicht mehr aushälst, Deine eigenen Sätze hinknallen. Das nicht der Kranke unmittelbar leidet, bedeutet keineswegs, daß seine Umgebung das nicht tut.
...
Ich habe nicht gesagt, dass die Umgebung nicht darunter leiden kann.
Was ich sage ist, dass es m.E. klare Grenzen gibt wo die Umgebung staatliches Eingreifen fordern kann.
Wenn dein Psychotiker sich eine Selbstschussanlage hinter die Tür stellt, oder dich stalkt, dann wäre das ein solcher Fall. Nur weil du dir dauernd Sorgen machst, mit wem er morgen aufwacht oder wieviel er trinkt, wäre keiner, auch wenn sich das manche Ehefrau wünschen würde.

Zitat:
Nur bei Eigen- und Fremdgefährdung kommt das überhaupt in Frage.
Bei Fremdgefährdung sind wir uns einig.
Der Punkt wo ich dir nicht zustimmen kann, ist die Eigengefährdung.
Wenn ich eine gefährliche Sportart ausübe z.B. Bergsteigen, aber nur mich selbst gefährde, sehe ich nicht warum irgendjemand da ein Recht haben sollte mich daran zu hindern weil ich hinterher ja tot sein könnte.
Ebensowenig, wenn ich dann von der Klippe springe, weil ich dann tot bin.

Zitat:
Selbstverständlich können die Wenigsten von uns ihre Hormonausschüttung willentlich beeinflussen. Ich halte es aber für einen relevanten Unterschied, ob ich bei einem entsprechenden Anlaß in eine traurige Stimmung gerate, oder diese Stimmung auch ohne Anlaß und vor allem ohne sich wieder zu verabschieden auftritt. Das nämlich bedeutet das und metaphysisch ist da nix.
Wenn du behauptest, dass der Mensch seine Entscheidungen nicht mehr selbst bestimmt, ist das metaphysisch.
Das der dann traurig ist ...

Zitat:
Diese Entscheidungen sind allerdings daneben. Sie schaden nämlich ganz massiv dem Entscheidenden, bis hin zur völligen Lebensunfähigkeit. Außerhalb von Schüben, keine Chronifizierung vorrausgesetzt, unterscheiden sie sich nicht wesentlich von konventionellen Entscheidungen.
... oder seine Entscheidungen daneben sind, ist zwar traurig (*) hat aber damit nichts zu tun. Man kann nicht davon ausgehen, dass man am Resultat einer Entscheidung die Entscheidungsfindung erkennen kann.
Wenn eine Entscheidung konventionell ist heißt das nicht, dass sie frei oder rational ist. Wenn sie unkonventionell ist heißt das nicht das Gegenteil.

(*) Schön man könnte ja jetzt auch argumentieren, wenn die Entscheidungen daneben und die Leute traurig sind, dann muss man die Leute eben zu ihrem Glück zwingen. Dann möchte ich nochmal die Frage stellen, wo ist die Grenze?
Auch wenn ich noch nicht so alt bin, habe ich schon miterlebt wie sich Leute tieflich zief (Gott, ich werde doch langsam alt, so eine durchgemachte Nacht pack ich nicht mehr) ... ziemlich tief in die Scheiße geritten haben - auch ganz ohne krank zu sein. Lebensunfähig macht sies zwar nicht, aber die nächsten x Jahre an den Folgen zu kauen ist auch nicht ohne. Und ich habs ihnen vorher gesagt. Wenn mir nochmal so ein Fall oder gar ein schlimmerer unterkommt, sollte ich die dann zu ihrem Glück zwingen?
Ich glaube ja, was das Glück ist oder was jemand wirklich will darüber kann man zwar spekulieren aber wirklich einholen kann man das nicht.
Du hast vorher den Fall erwähnt, dass sich jemand außerhalb vom Fenster aufghängt hat und das dann zusammengebrochen ist, so dass er überlebt hat.
Deine Interpretation ist soweit ich das jetzt richtig sehe/erinnere, dass der sich draußen aufgehängt hat weil er wollte, dass die Nachbarn es sehen, und abgestürzt ist weil er eingeplant hat, dass das Teil nicht stabil genug ist.
Naja, so spontan würde mir da jetzt eine alternative Geschichte einfallen:
Er hat sich draußen aufgehängt weil das drinnen nicht ohne weiteres möglich war (Deckenhöhe, Befestigunsmöglichkeiten?) und ist abgestürzt weil er nicht daran dachte das tragende Teil erst auf Maximalbelastung zu prüfen.
Jetzt mal abgesehen davon, dass es vielleicht noch Sachen an der Geschichte gibt, die ich nicht kenne, die dem widersprechen - grundsätzlich gibt es immer mehrere mögliche Interpretationen - und ich jedenfalls habe schon desöfteren erfahren müssen, dass die Leute da nicht so treffsicher sind wie sie oft glauben (es sei denn natürlich ich habe deren Absichten immer falsch interpretiert)... für ein nettes Beispiel siehe Stammtisch.
Wie sollte ich von dem Standpunkt aus sagen, was jemand wirklich will?
Und dann entscheiden, was für andere "das Beste" ist?
Ich meine, dass diese Entscheidung jedem selbst überlassen sein muss.

Zitat:
Effektive Ablehnung wäre es, eben nicht herumzulaufen und von Suizidabsichten zu berichten, wodurch man sich dem Zwang ja erst ausliefert und das gewöhnlich auch vorher weiß.
Und genau das tun viele Selbstmörder auch.
Jetzt stell dir mal vor, dass es zwischen den Extremen des Narzissten der nur zu Show überall rumerzählt, dass er sich umbringen wird, und demjenigen der felsenfest zum Selbstmord entschlossen ist, noch was gibt. Jemand der ernsthaft über Selbstmord nachdenkt, aber noch nicht "jenseits von Gut und Böse" ist - was meiner Einschätzung nach sogar die Mehrheit ist.
Und der soll jetzt - sofern er auf seine Freiheit Wert legt - über seine Situation schweigen, folglicherweise auch keine Hilfe erhalten.

Zitat:
Du mußt auch niemanden zu Deinem Töter instrumentalisieren. Das darf man Dir zumuten.
Das hat glaube ich in diesem Strang auch noch niemand bestritten.
Die kritische Frage ist eher - darf man es jemandem verbieten mir dabei zu helfen?

Zitat:
Unauffällig ist seine Sache nicht. Wenn, dann wird er es eher darauf anlegen, daß es gar nicht nach Suizid aussieht, weil er nicht als Loser dastehen will. Ansonsten wird gerade der Narzißt die größtmögliche Bühne suchen, die Du ihm bietest.
Und was ist die größere Bühne - ein Arzt und ein Psychiater oder eine Menschenmenge samt Feuerwehrgroßaufgebot am Fuß des Kirchturms?

Zitat:
Um ihn geht es aber nicht. Ich hege die Befürchtung, daß das Angebot die Nachfrage erst schafft.
Tut mir leid, ich verstehe nicht was du meinst.
Das dann Leute tatsächlich das Angebot annehmen, damit habe ich für meinen Teil kein Problem.
Das Leute plötzlich unglücklich werden und sich umbringen wollen (was tatsächlich schlimm wäre) weil es dieses Angebot gibt, das glaube ich dann eher nicht.

Zitat:
Du wirst erleben, daß sich Menschen Deine 14 Tage (oder was auch immer) in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen gönnen und sich es dann anders überlegen.
Warum sollte das schlimm sein?

Zitat:
Du wirst auch erleben, daß es sich immr mal wieder jemand anders überlegt, nachdem er Deinen Drink genossen hat. Gegengift sollte also stets bereitstehen. Mehr als eine Dosis, denn manchmal kommen sie wieder.
Nun, wenn das möglich ist kann man natürlich auch ein Gegengift hinstellen.
Wenn das nicht mehr klappt, nun, vielleicht bin ich ein Arschloch, aber dann würde ich sagen selber schuld. Wenn jemand trotz Herzbeschwerden unbedingt in die Achterbahn muss, dann ists doch wohl nicht dem Achterbahnbetreiber anzulasten wenn der dann stirbt.

Zitat:
Und dann gibt es die, die sich niemals umgebracht hätten, gäbe es dieses praktische Angebot nicht.
Hmm, wer wäre das genau?

Zitat:
Die Japaner sind tatsächlich ein besseres Beispiel, als mir das zunächt bewußt war. Die Suizide in guter alter Samurai-Tradition waren seltener, als die vom westlichen Zeitgeist beeinflußten Suizide von heute, obwohl sie Anerkennung fanden und das Leben der Meschen weitaus härter war.
Denk das mal genauer durch. Das ist nicht Dein Argument. Das gehört mir.
Erklärs mir.

Zitat:
Ist Dir allerdings mein Wohlergehen vollkommen egal, wundere Dich nicht, wenn es umgekehrt genauso ist.
Ich habe nicht gesagt, dass mir dein Wohlergehen vollkommen egal ist. Ich habe lediglich gesagt, dass das was ich bereit bin dafür zu tun seine Grenzen hat. Und ich rechne mal damit, dass es umgekehrt genauso ist.
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Alt 16. Aug 2008, 10:14 Uhr   #286 (Permalink)
Gaucho
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Zitat:
Zitat von dichterDenker Beitrag anzeigen
Jemand der ernsthaft über Selbstmord nachdenkt, aber noch nicht "jenseits von Gut und Böse" ist - was meiner Einschätzung nach sogar die Mehrheit ist.
Und der soll jetzt - sofern er auf seine Freiheit Wert legt - über seine Situation schweigen, folglicherweise auch keine Hilfe erhalten.
Was verstehst Du in diesem Zusammenhang unter "Hilfe"? Hilfe zum Sterben oder Hilfe zum Leben? Hilfe zum Leben will Parker ihm geben. Das ist sein Job.
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Alt 01. Okt 2008, 12:59 Uhr   #287 (Permalink)
MorganLeFay
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Zitat:
Sterbehilfe
Ex-Senator Roger Kusch leistet erneut Sterbehilfe
(0) 30. September 2008, 23:33 Uhr
Hamburgs ehemaliger Justizsenator Roger Kusch hat nach eigenen Angaben in einem neuen Fall Sterbehilfe geleistet. Am Dienstagmittag will der Jurist in der Hansestadt eine 84-jährige Rentnerin in den Tod "begleitet" haben. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen eingeleitet.
Sterbehilfe: Ex-Senator Roger Kusch leistet erneut Sterbehilfe - Nachrichten Hamburg - WELT ONLINE

Habe mir mal seine Seite angesehen...

Zitat:
Für die Suizidbegleitung sind 8.000 Euro aufzuwenden. Ein niedrigerer Betrag kann vereinbart werden unter Berück- sichtigung der finanziellen Situation des Sterbewilligen. Für die Kontakte bis zum ersten persönlichen Treffen bzw. Hausbesuch entstehen keine Kosten.
www.Suizidbegleitung.de - Kosten
__________________
So when you're asked to fight a war that's over nothing, it's best to join the side that's going to win.
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